„Es hat so viel Spaß gemacht, das kann man gar nicht sagen.“ – Was macht eigentlich … Jens Wiese?
Mehr als 300 Pflichtspiele, weit über 1.200 Tore und fast ein Jahrzehnt im rot-weißen Trikot: Der 1,95 Meter große Jens Wiese gehörte lange zu den prägenden Gesichtern der HSG Nordhorn-Lingen, zählte zu den torgefährlichsten Werfern der 2. HBL und feierte 2019 den Bundesligaaufstieg mit den Rot-Weißen. Zum Handball kam der heute 38-Jährige über seinen Vater, der bis heute Vorsitzender des gemeinsamen Heimatvereins im Kreis Minden-Lübbecke ist. Seit dem Ende seiner Profikarriere arbeitet Wiese als Bauingenieur. Mit seiner Frau Nadine und den beiden Kindern lebt er weiterhin in Nordhorn – und wird künftig sogar wieder als Jugendtrainer für die HSG tätig sein. Im Interview spricht der ehemalige Rückraumspieler über seinen Weg in den Profihandball, die besondere Zeit bei der HSG und seinen Blick auf die aktuelle Situation des Vereins.
Hallo Jens, du bist zwar in Hannover geboren, aber ist es okay, dich als Ostwestfalen zu bezeichnen?
Ja, auf jeden Fall. Ich bin in Holzhausen II in der Gemeinde Hille aufgewachsen. Björn Buhrmester kommt übrigens aus demselben Ort, ist aber drei Jahre älter als ich.
Du bist mit Nordhemmern/Mindenerwald 2010 in die 3. Liga aufgestiegen – und quasi zeitgleich mit dem TuS N-Lübbecke 2009 in die 1. Liga. Wie kam es dazu?
Das ging über ein Doppelspielrecht. Ich habe allerdings deutlich mehr für Nordhemmern gespielt als für den TuS. In Lübbecke hatten wir seinerzeit eine hochkarätige Mannschaft – Nicky Verjans war zwischenzeitlich ja auch dort. Mit dem TuS habe ich im DHB-Pokal sogar einmal in Nordhorn gespielt – kurz nachdem die HSG in die 2. Liga abgestiegen war. Ich habe damals sechs Tore geworfen. Vielleicht bin ich Heiner Bültmann und den Verantwortlichen dabei ja positiv aufgefallen. (lacht)
Und 2011 kamst du dann selbst zur HSG …
Ja. Es war eine tolle Zeit mit einer Top-Mannschaft in Lübbecke, aber ich kam ja eigentlich aus der 3. Liga, hatte nie ein Nachwuchsleistungszentrum durchlaufen und war seit der D-Jugend auch für keine Auswahl mehr nominiert worden. Ich war damals 23 Jahre alt, wollte einfach Spielzeit und eine gute sportliche Perspektive. Da kam die Anfrage aus Nordhorn genau richtig. Außerdem begann ich damals mein Studium im Bauingenieurwesen – auch wenn ich im ersten Jahr den Fokus ganz bewusst auf den Handball gelegt habe, um den Sprung in die Mannschaft zu schaffen.
Stichwort Studium – wie lief das während deiner Zeit bei der HSG?
Ich wechselte schon 2012 an die Fachhochschule Münster. Ich habe ganz normal in Präsenz studiert, allerdings mit reduziertem Pensum – so wie damals auch Alex oder Luca. Dafür wurden wir teilweise sogar vom Training freigestellt. So etwas gibt es heute eigentlich gar nicht mehr. Natürlich hat sich das Studium durch den Handball verlängert, aber im Herbst 2020 habe ich meinen Masterabschluss gemacht. Schon seit 2019 arbeite ich bei Lindschulte als Bauingenieur.
Wie können wir uns deine heutige Arbeit vorstellen?
Ich arbeite bei der Lindschulte Ingenieurgesellschaft in Nordhorn und leite dort die Abteilung Wasserwirtschaft. Ganz vereinfacht gesagt beschäftigen wir uns mit der Frage: Wohin mit dem Wasser? Das gilt für das alltägliche Abwasser genauso wie für die großen Regenmengen, die bei einem Starkregen innerhalb kürzester Zeit zusammenkommen können. Wir planen z. B. die Entwässerung neuer Wohn- und Gewerbegebiete, kümmern uns um die Sanierung von Kanalnetzen und erstellen Generalentwässerungspläne sowie Starkregengefahrenkarten für Städte und Gemeinden. Dabei wird das Thema der wasserbewussten Stadtentwicklung oder „Schwammstadt“ immer wichtiger. Meine Arbeit ist eine Mischung aus technischen Fragestellungen, Projektsteuerung, Abstimmungen mit unseren Auftraggebern und natürlich der Leitung unseres Teams. Besonders spannend finde ich, dass unsere Planungen ganz konkret dazu beitragen können, Städte und Gemeinden besser auf die Folgen des Klimawandels und auf extreme Regenereignisse vorzubereiten.
Lass uns noch einmal auf deine Handballzeit bei der HSG zurückblicken. Die Statistiken zeigen, dass du 2012/13 und 2014/15 jeweils erfolgreichster Feldtorschütze der 2. Bundesliga warst. Was zeichnete dich als Spieler und eure damalige Mannschaft aus?
Wir hatten eine mega-coole Truppe, die unter Heiner Bültmann über viele Jahre fast in derselben Besetzung zusammengespielt hat. Das Mannschaftsklima war überragend. Es hat so viel Spaß gemacht, das kann man gar nicht sagen. Auch für mich persönlich lief es von Anfang an richtig gut. Als ich 2011 zur HSG kam, war gerade die eingleisige 2. Bundesliga eingeführt worden. Und meine Aufgabe war ziemlich klar: im Rückraum hochsteigen und die Bälle reinschmeißen. Ich war ein klassischer Shooter. Heute wird auf den Rückraumpositionen viel mehr über das Eins-gegen-eins gespielt. In der Abwehr stand ich meistens auf den Halbpositionen. Ich war da auch nicht schlecht, aber für eine echte „Abwehrrakete“ wohl etwas zu lieb. (lacht)
An welche Spiele erinnerst du dich als Erstes?
Unvergessen bleiben natürlich einige Pokalspiele gegen Erstligisten. Wir haben einmal gegen Lemgo gewonnen, aber ganz besonders in Erinnerung geblieben ist mir natürlich auch unser Sieg gegen Hamburg 2015. Und dann war da natürlich noch das erste Spiel Ende 2013 in der neuen EmslandArena. Vor mehr als 3.400 Zuschauern gewinnen wir 35:20 gegen Hildesheim – das war schon ein richtig cooles Erlebnis.
Leider hast du später auch gesundheitliche Probleme bekommen …
Ja, in unserer Aufstiegssaison 2018/19 begannen die Schulterprobleme im rechten Wurfarm. Ich musste operiert werden und kehrte zur Rückrunde zwar ins Team zurück, bekam aber nur noch wenig Spielzeit. In der Bundesliga war ich dann nur noch auf Stand-by und habe noch dreimal ausgeholfen. Immerhin habe ich für die HSG in der 1. Liga noch ein Tor erzielt. Mein letztes Spiel war dann kurz vor Corona im Dezember 2019. Heute habe ich mit der Schulter überhaupt keine Probleme mehr. Aber wenn ich wieder regelmäßig aufs Tor werfen würde, könnte es gut sein, dass die Beschwerden zurückkämen.
Beim Legendenspiel Anfang 2023 hast du das HSG-Trikot aber noch einmal angezogen.
Ja, das war absolut mega. Mit all diesen wirklichen Legenden noch einmal vor einer vollen Halle auf der Platte zu stehen, war etwas ganz Besonderes. Es war außerdem kurz vor dem dritten Geburtstag unserer Tochter. Sie war dabei und hat mich zum ersten Mal überhaupt als Handballspieler auf dem Feld erlebt. Das war schon ein schöner Moment.
Du hast deine Tochter gerade angesprochen. Wie geht es deiner Familie in Nordhorn?
Wir fühlen uns hier sehr wohl. Meine Frau Nadine kenne ich schon aus Hille. Sie arbeitet heute als Grundschullehrerin in Wietmarschen. Unser Sohn Ferre ist vor Kurzem vier Jahre alt geworden und unsere Tochter Hedda wird jetzt eingeschult. Nach dem Sommer werde ich übrigens gemeinsam mit Alex Rink die HSG-Minis trainieren. Da schließt sich für mich tatsächlich ein bisschen der Kreis.
Das bedeutet also, dass du künftig wieder häufiger in der Halle sein wirst. Und wie sieht es mit der 1. Mannschaft aus?
In den vergangenen Jahren ist das etwas weniger geworden. Ich bin ungefähr drei- bis fünfmal pro Saison in der Halle. Aus meiner aktiven Zeit ist ja nur noch Frank Schumann dabei. Ganz viele Spiele verfolge ich aber im Internet-Livestream.
Wie blickst du auf die aktuelle Situation bei „deiner“ HSG Nordhorn-Lingen?
Ich hoffe natürlich sehr, dass sich alles wieder zum Guten entwickelt. Solche schwierigen Phasen hat es auch zu meiner Zeit schon gegeben. Damals war die Situation zeitweise ebenfalls ziemlich brenzlig. Wir haben als Mannschaft sogar einmal kurzfristig auf Gehalt verzichtet. Aber genau das hat uns noch enger zusammengeschweißt. Als die Probleme öffentlich wurden, haben wir plötzlich eine Siegesserie gestartet. Das Ganze hat uns einen enormen Schub gegeben. Unsere Einstellung war damals: Gerade jetzt zeigen wir allen, wie wichtig uns dieser Verein ist. Vielleicht hat genau das am Ende auch dazu beigetragen, dass sich alles wieder zum Positiven entwickelt hat. Deshalb hoffe ich sehr, dass es diesmal genauso kommt.
Lieber Jens, vielen Dank für das Gespräch. Wir wünschen dir und deiner Familie privat und beruflich alles Gute – und nicht zuletzt viel Freude bei deiner neuen Aufgabe als Trainer der HSG-Minis.




