Ende August wird Nicky Verjans 39 Jahre alt. Als knapp 18-Jähriger kam der niederländische Rechtsaußen 2005 zur HSG Nordhorn, entwickelte sich dort zu einem der prägendsten Spieler und gewann 2008 mit der HSG den EHF-Pokal. Nach dem Abstieg wechselte er 2010 zum Erstligisten TuS N-Lübbecke. Schon 2012 kehrte er zur HSG Nordhorn-Lingen zurück, übernahm hier wie in der Nationalmannschaft das Kapitänsamt und erzielte Mitte der 2010er-Jahre regelmäßig deutlich mehr als 150 Treffer pro Saison. 2019 feierte er mit der HSG den Wiederaufstieg in die 1. Liga, 2020 beendete er seine Karriere.
Parallel zu seiner Laufbahn als Profi absolvierte Verjans ein Studium im Sportmarketing und Sportmanagement. Heute arbeitet er erfolgreich an der Schnittstelle zwischen Technologieunternehmen sowie Sportorganisationen bzw. Vereinen. Seine eigene Firma trägt aus gutem Grund den Namen „Fan First“. Mit Nicky Verjans haben wir über sein Leben zwischen Sport und Business, sein Engagement bei der HSG und natürlich über seine Sicht auf die aktuelle Situation bei dem Verein gesprochen, der ihm besonders am Herzen liegt.
Hi Nicky, lass uns gleich mit dem Thema beginnen, das gerade alle bewegt, die es mit der HSG Nordhorn-Lingen halten: Wie schaust du auf die momentane Lage?
„Vorab: Ich liebe diesen Verein – von den Profis bis zum Breitensport. Ich habe 13 Jahre für die HSG gespielt und war auch danach immer nah dran. Aber ich bin jetzt auch schon einige Jahre im Sportbusiness tätig und schaue mit einer anderen Brille auf die Dinge. Ehrlich gesagt war das, was jetzt öffentlich geworden ist, für mich keine Riesen-Überraschung. Es sind einige Dinge passiert, mit denen nicht nur ich, sondern auch andere, deren Herz für die HSG schlägt, nicht einverstanden waren. Rund um den Slogan ‚Zusammen1Ziel‘ konnte ich mich nicht mit allem identifizieren. Mit der neuen Geschäftsführung unter Michael Jonker, mit dem ich schon einige Male gesprochen habe, sind wir aber definitiv auf dem richtigen Weg. Die HSG muss sich erneuern und neue Wege finden. Was das angeht, schaue ich positiv und voller Hoffnung nach vorne.“
Wie blickst du auf die aktuelle Zweitliga-Mannschaft?
„Mark Bult macht einen guten Job, auch wenn er sich das Ganze sicher anders vorgestellt hat. Von den Spielern, die jetzt dazugekommen sind, habe ich ebenfalls einen guten Eindruck. Hoffentlich schaffen wir es, wieder zu unserer HSG-DNA zurückzufinden. Wir hatten über viele Jahre eine besondere Kultur und einen besonderen Umgang miteinander. Das war ein wichtiger Grund dafür, warum sich Spieler und ihre Familien hier so wohlgefühlt haben. Davon haben wir uns über die Zeit immer weiter entfernt. Mein Eindruck bei Mark ist, dass es sich wieder in diese Richtung bewegt. Wie Schu hat auch er früher selbst hier gespielt. Und wie die beiden fühlen sich bis heute viele ehemalige Spieler dem Verein stark verbunden und sind dankbar für ihre Zeit bei der HSG.“
Du sprichst die Zeit an, in der du selbst aktiv warst. Wie war das damals, beispielsweise 2009 und nach deiner Rückkehr 2012 aus Nettelstedt?
„Trotz der zunehmenden wirtschaftlichen Probleme haben wir 2008/09 mit einem schmalen Kader eine tolle Saison gespielt, wurden Achter und standen im Europapokalfinale. Ich blieb nach dem Zwangsabstieg und wir haben noch ein Jahr Vollgas gegeben, aber die HSG konsolidierte sich erst langsam. Für zwei Jahre ging ich dann wieder in die 1. Liga zu N-Lübbecke. Dort spielte schon Jens Wiese, dem ich später auch zum Wechsel nach Nordhorn geraten habe. Wir sind bis heute gut befreundet. Dass ich selbst aus Nettelstedt zurückkehren würde, konnte ich mir immer gut vorstellen. Die Stadt Nordhorn, der Club, die gesamte Kultur im Verein – das passte einfach. Und auch mit meinem Studium an der Johan Cruyff Academy in Amsterdam ließ sich der Handball bei der HSG bestens verbinden.“
Wie hast du Profisport und dein Studium im Sportmarketing unter einen Hut bekommen?
„Neben meinem Traum, Profi zu sein, wollte ich immer schon im Sportbusiness arbeiten. Und bei der HSG war diese Kombination möglich. Ich habe immer parallel an meinem zweiten Standbein gearbeitet. Von meinen 15 Jahren als Profi habe ich mich nur drei Jahre lang ausschließlich auf Handball konzentriert: mein erstes Jahr in Nordhorn, als ich als Abiturient bei der Familie des damaligen Vorsitzenden Jürgen Becker gewohnt habe, und die zwei Jahre in Nettelstedt.“
Wie endete deine Zeit als Handballer bei der HSG?
„Im Januar 2016 habe ich mich schwer am Sprunggelenk verletzt. Danach habe ich es falsch belastet, es kam zu einer Fehlstellung und irgendwann hat sich dadurch das Schambein entzündet. Ich hatte zunehmend Schmerzen. In diese Zeit fiel auch der Wechsel zum Masterstudium nach Maastricht mit einigen Präsenzwochen. 2018 habe ich mich dann entschieden, noch zwei Jahre bei der HSG dranzuhängen. Wir schafften den Aufstieg, aber ich habe in diesem Jahr nur sechs Spiele gemacht, musste operiert werden und saß zwischenzeitlich sogar kurz im Rollstuhl. Bei der Nationalmannschaft, die sich für die EM 2020 qualifiziert hat, habe ich ab 2014 hinter den Kulissen einiges mit angeschoben. Corona sorgte dann für das vorzeitige Ende meiner Karriere – kurz vor meinem 450. Spiel für die HSG. Auch der Start ins Sportbusiness wurde durch Corona erschwert. Zum Glück habe ich es trotzdem geschafft.“
Erzähl uns bitte von deiner heutigen Arbeit.
„Das Ganze hat sich entwickelt. Ich habe immer im Marketing gearbeitet, inzwischen konzentriere ich mich aber ganz auf den Sportbereich. Da gibt es auf der einen Seite Start-ups sowie IT- und Technologieunternehmen mit innovativen Ideen und auf der anderen Seite Vereine und Sportorganisationen. Ich fungiere als Schnittstelle zwischen diesen beiden Welten und liebe es, sie miteinander zu verbinden. Durch meine lange Erfahrung kann ich gut einschätzen, was die Vereine, aber auch die Unternehmen brauchen. Ich validiere Produkte und Dienstleistungen, von denen ich glaube, dass sie einen echten Mehrwert für Sportorganisationen bieten können. Anschließend begleite ich die Umsetzung der Prozesse und betreue sie als Projektmanager.
Gib uns doch mal ein Beispiel.
„Ich arbeite z. B. mit Jobbiplace zusammen. Das ist eine Jobplattform, die in bestehende Vereins- und Sponsoringstrukturen eingebunden wird – übrigens auch bei der HSG und zuletzt bei der SV Elversberg. Darüber hinaus ist gerade Levy einer meiner wichtigsten Kunden, das ist ein großer Anbieter für Event-, Stadion- und Arena-Gastronomie. Da geht es beispielsweise um Kassensysteme, bei denen Gäste ihre Waren selbst scannen und bezahlen, was bei großen Veranstaltungen die Warteschlangen erheblich verkürzt. Ich arbeite von meinem Büro zu Hause aus, bin aber auch oft vor Ort und erlebe tolle Events – auch an Orten, an denen ich schon früher als Spieler sehr gerne war. ‚Nebenbei‘ war ich im vergangenen Jahr bei der Frauen-WM in Den Bosch als Arena-Manager verantwortlich. Das waren einige 16-Stunden-Tage, aber eine tolle Erfahrung.“
Und dann kam vor rund anderthalb Jahren die Gründung deiner eigenen Firma …
„Ja. In dem Bereich, den ich ohnehin seit 2020 mache und liebe, habe ich mich vor anderthalb Jahren als Projekt- und Partnerschaftsmanager selbstständig gemacht. Meine Firma heißt ‚Fan First‘. Das soll direkt zeigen, dass meiner Meinung nach der Fan immer im Mittelpunkt stehen muss. Die Lösungen der Technologiepartner sollen für die Fans einen echten Mehrwert bieten. Das versuche ich auch den Clubs zu vermitteln, die erkannt haben, dass sie neue Wege gehen müssen. Dabei gilt meine Einstellung von früher weiterhin: Ich sehe mich wie einen Profisportler im Beruf, denke leistungsorientiert und vor allem als Teamplayer. Dass die Kunden im Video-Call hinter mir im Büro viele Trikots sehen, die ich im Laufe meiner Karriere getauscht habe, schadet dabei sicher nicht.“ (lacht)
Und damit sind wir wieder bei der HSG. Wie bringst du dich heute ein?
„Ich bin ein Vereinsmensch und liebe den e. V. Unsere beiden Töchter Eline und Ida spielen Handball, und meine Frau Ines, die früher selbst in der 2. Liga gespielt hat, engagiert sich ebenfalls im Verein – zuletzt viele Jahre im Jugendbereich und ab dieser Saison als Trainerin der 1. Damen. Ich freue mich, dass sich auch ehemalige Profis wie Lasse Seidel, Bastian Riedel, Jens Wiese und Toon Leenders einbringen, genauso wie einige frühere Oberliga-Handballerinnen der HSG. Ich selbst helfe ebenfalls in der Jugendabteilung, u. a. bei der Koordination und Weiterentwicklung. Zuletzt habe ich ein Trainerhandbuch erstellt und einige organisatorische Dinge zu Papier gebracht. Es gilt, unsere Gesamtstrategie weiterzuentwickeln – und dabei bin ich manchmal ganz schön ungeduldig. Ich bin auch wieder regelmäßig in der Halle. Wir wohnen nur einen Kilometer entfernt, und zusätzlich leite ich gemeinsam mit Wiebke Kethorn den Leistungsstützpunkt des Handballverbands Niedersachsen-Bremen.“
Du hast den e. V. und die Jugendabteilung angesprochen. Daneben gibt es natürlich auch die GmbH mit der Profimannschaft …
„Wir sind dran, die beiden wieder näher zusammenzubringen. Dass e. V. und GmbH eine Zeitlang teilweise in zwei Richtungen gelaufen sind, finde ich schade. Wir sollten dahin kommen, dass unsere Jugendlichen – Mädchen und Jungs – wieder eine richtig gute Perspektive haben. Hier gibt es ein riesiges Potenzial. Dass wir dabei auf einem guten Weg sind, kann man auch jetzt schon ein bisschen sehen. Mit Michael Jonker sind wir dabei in einem guten Austausch. Wenn wir vielleicht auch in manchen Bereichen von vorne anfangen müssen: Wir werden den Handball bei der HSG sichern und in die richtige Richtung weiterführen. Da bin ich ganz ehrlich sehr positiv.“
Lieber Nicky, vielen Dank für das Gespräch!




